Kreative Midlife Crises oder Passion?

Ein Interview mit Susanne Hoheit und ihr Blickwinkel auf kreatives Schaffen.

dh: Warum hängen so viele Kreative und Marketingleute ihren Job mit 40/45 an den Nagel?

Susanne: Vielleicht sind sie in den „Midlife Crises“ oder haben einfach keinen Bock mehr auf das schonungslose und emotional aufreibende Business in der Welt der Blender und Strategen?

Kreativ sein bedeutet für mich, leidenschaftlich, erfüllt und intensiv zu leben. Mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und sich immer wieder neue Inspirationen und Anreize zu holen. Als Gestalter braucht man für die Umsetzung von Ideen, neben der Kreativität, ein starkes Selbstbewusstsein und mentale Stärke. Wenn das nicht mehr gegeben ist sollte man seine Erfüllung besser in anderen Dingen suchen, die einem mehr Freude bereiten.

dh: Was machen die Kreativen, nachdem sie ihrer Karriere den Rücken gekehrt haben?

Susanne: Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele ehemalige Marketingleute oder Art Direktoren in beratende und soziale Berufe abwandern oder ihr Hobby zum Beruf machen. Ob als Weinladenbesitzer, Pferdetrainer oder Fitness-Coach – es ist scheinbar das Bedürfnis, eng mit Menschen oder Tieren zu arbeiten. Es sind Berufe, die einen direkt emotional ansprechen oder erfüllen, Hilfsbereitschaft benötigen und am Ende wohl glücklicher machen als der Job zuvor. Vielleicht wünscht man sich auch mehr oder anderes Feedback vom Gegenüber, ganz einfach und direkt.

dh: Ist die fehlende Kommunikation der Grund, warum die Kreativen ihre Welt verlassen?

Susanne: Nicht nur. Harte Preisverhandlungen, kreative Leistung, die nicht wegen der guten Referenzen und Umsetzungen, sondern wegen des günstigsten Kostenvoranschlags vom Einkauf beauftragt wird. Logos werden für Low aus Online-Portalen bezogen, Webdesign gibt es zum Schnäppchenpreis aus Pakistan und auf Print kann man wegen Web zu 80 % verzichten. Das sind die Hard-Facts. Die Soft-Facts sind sicher die emotionalen Gründe, wie fehlende Kommunikation und Wertschätzung.

dh: Wie kommen die Kunden auf Dich zu, was erwarten sie? 

Susanne: Ein Beispiel-Szenario wäre: Ein Kunde meldet sich per Mail oder telefonisch. Er hat ein neues Produkt entwickelt, ein Start-up oder Unternehmen gegründet. Die Anfrage könnte lauten: „Machen Sie auch Logos und Websites?“ Meine Reaktion: ich lasse mir erstmal einen Capuccino aus der Maschine, atme langsam ein und wieder aus und bringe meine Emotionen wieder auf eine neutrale Ebene.

dh: Warum?
Erstens, weil ich mich freue, dass der Kunde auf uns zugekommen ist.
Zweitens, weil ich enttäuscht bin, dass Gestaltung für ihn nur eine visuelle Rolle einzunehmen scheint.

Der Anteil der gestaltenden Arbeit liegt zu 50% bei der Beratung und Zielfindung – der Seele der Marke oder des Produkts und zu 50% bei der Umsetzung der Ideen und Maßnahmen – dem Look. Für einen Kreativen ist es wichtig, schon frühzeitig in die Prozessentwicklung integriert zu werden. Heißt, ab dem Moment in dem die Idee geboren wurde. So können wir die Marke oder das Produkt besser kennen lernen, die Idee verstehen und dessen Zielsetzung begleiten und unterstützen. 

dh: Was sind Deine Ziele und Aufgaben als Kommunikationsdesignerin?

Susanne: Mein Traum-Szenario: Ein Kunde ist auf designhoheit über Empfehlung oder im Web aufmerksam geworden. Nach dem ersten Kontakt findet ein Kennenlern-Meeting statt. Die Ideen, Wünsche und Ziele werden angerissen, so dass sich beide Seiten ein grobes Bild über die zukünftige Zusammenarbeit machen können.

Der Kunde verfasst ein Briefing bzw. seine Wünsche und Ziele in Worten zusammen. Je nach Umfang des Mandats erarbeiten wir gemeinsam in Meetings/Workshops das Wer? Was? Wo? Wie? Wann? Warum? und Wozu? Z. B. wird ein Avatar erstellt, der gewünschte Look & Feel des Produkts erarbeitet, eine Marketingstrategie entwickelt, etc.. Die Prozesse werden von einem Team, bestehend aus Produktmanagement, Verkauf, Marketing und Kreation erarbeitet, alle Beteiligten ziehen an einem Strang und erfüllen ihre Aufgaben für ein gemeinsames Ziel. Damit wären die ersten 50% der Arbeit (Seele) und meine Aufgabe, als gestaltende Beraterin, erfüllt. 

Danach bekommt die Marke / das Produkt ein Gesicht, den perfekten Look, der zum Unternehmen und dessen CI passt. Durch die strukturierte Teamarbeit liegt die kreative Umsetzung nah. Jetzt ist gutes Handwerk und kreative Leistung gefragt. Weitere Abstimmungsprozesse und Maßnahmenpakete werden geschnürt, alles durch dekliniert, getestet und verbessert. Der Launch wird ein voller Erfolg, das Produkt von innen und außen wahrgenommen. Was noch toller ist, alle Beteiligten finden sich in ihrer Marke / dem Produkt wieder, weil sie in den gesamten Prozess mit eingebunden waren. 

dh: Klingt toll! Lassen sich die Kunden auf den Weg der gestaltenden Beratung ein? 

Susanne: Immer mehr Kunden bekommen dafür ein Verständnis, dass Kommunikation keine Einbahnstraße ist, sondern Dialog. Gestaltende Beratung heißt, schon früh mit der Marke in Berührung zu kommen, die Prozesse zu begleiten, kreative Lösungen zu finden und diese stetig weiterzuentwickeln. Für alle, die hier noch keinen Dialog mit ihrer Agentur gesucht haben, ist ein erster Workshop sicher eine Bereicherung – zumindest kann man sich danach eine Meinung bilden.

dh – Mike Steinhauser / Susanne Hoheit